Freies Erzählen

Freies mündliches Erzählen: Was ist das?

Das freie mündliche Erzählen ist eine der ältesten Künste der Welt. Seit sehr langer Zeit erzählen sich die Menschen Märchen. So wurden diese von Generation zu Generation weitergetragen. Unser Leben in der Familie und in der Gesellschaft hat sich verändert – und das Erzählen ist aus unserem Alltag verschwunden. Auch viele wunderschöne alte Volksmärchen sind in Vergessenheit geraten.  Doch seit einiger Zeit wurde das freie mündliche Erzählen wiederentdeckt und mit ihm die alten Volksmärchen.

Freies Erzählen unterscheidet sich wesentlich vom Vorlesen aus einem Buch. Beim Erzählen werden Märchen und Geschichten lebendig und anschaulich dargestellt. Da diese nicht auswendig gelernt werden ist die Geschichte meistens immer ein klein wenig anders. Der Erzähler „lernt den Text also nicht auswendig“, sondern er „verinnerlicht“ die Geschichte und hat sie – wie ein eigenes Erlebnis – im Kopf.

 

„Freies mündliches Erzählen

malt Bilder in den Köpfen

der Zuhörer“

 

Freies Erzählen kommt ganz ohne Bühnenbild, Kostüme und Requisiten aus. Es reicht die Stimme – und natürlich die Freude an den Geschichten und am Erzählen. Natürlich kann mit einer besonderen Kleidung oder passenden Requisiten das Märchen bildhafter dargestellt und die Stimmung, die das Erzählen verbreitet, unterstützt werden. Wichtig ist eine ruhige und angenehme Atmosphäre, in der sich alle wohl fühlen.

Märchen sind für alle, oder?

Kinder brauchen Märchen.

Kinder wachsen heute in einer schnelllebigen, mit modernen Medien geprägte Welt auf. Märchen und Geschichten zuzuhören schafft einen Raum der Ruhe, in der die Kinder in die Welt der Phantasie eintauchen können. Das mündliche Erzählen trägt viel zur Ausbildung der Sprachkompetenz bei, wenn es regelmäßig angewendet wird. Die Konzentration wird gefördert und die Wahrnehmungs- und Imaginationsfähigkeit geschult.

Märchen sind linear aufgebaut, so dass Kinder dem Handlungsablauf gut folgen können. Es gibt klare Bilder, auch eine klare Trennung von "gut und böse", was dem kindlichen Denken entspricht. Auch wenn es im Märchen oft dramatisch zugeht: Am Ende siegt doch immer das Gute!

Das schafft Vertrauen und Zuversicht.

 

Märchen auch für Erwachsene? Eindeutig: Ja!

Auch viele Erwachsene wissen die klaren Märchenbilder zu schätzen. Die Welt ist voller Geschichten, nur lässt es der Alltag meist nicht zu, dass wir ihnen lauschen. Dabei kann es der Seele guttun, sich einmal darauf einzulassen. Märchen enthalten archetypische Bilder, die viele Weisheiten beinhalten und die unser Unterbewusstsein ansprechen. Hier werden mit Hilfe von Bildern und der Märchensymbolik Wertevorstellungen und Lebenserfahrung zum Ausdruck gebracht.

Die Worte „Es war einmal…“ entführen uns oft in die Welt der Kindertage zurück, vermitteln Geborgenheit und lassen uns für einen Moment aus dem oft hektischen Alltag entfliehen.

 

Senioren kennen sie noch…

Gerade die heutige ältere Generation ist mit Märchen aufgewachsen und konnte diese oft in- und auswendig. Vor allem die Märchen der Brüder Grimm erfuhren damals großer Beliebtheit. Ältere Menschen wissen oft noch genau, wie Rotkäppchen den Frosch küsste und wie Rumpelstilzchen sechs von den sieben Geißlein fraß – oder halt –, war es doch anders?

Märchen hören und sich danach darüber austauschen, über Erinnerungen aus der Kindheit sprechen – das regt die Kommunikation an und stärkt das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe.

 

Demenz und Märchen: Geht denn das?

Mit den Märchen kommen ältere Menschen wieder in Kontakt mit ihrer Kindheit, die bei demenzkranken Menschen oft noch im Langzeitgedächtnis verankert ist.

Märchenstunden schaffen ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Die Betroffenen finden etwas Vertrautes wieder, assoziieren vielleicht mit den Geschichten auch Ereignisse aus ihrer eigenen Vergangenheit.

Auch für Angehörige kann eine mit den kranken Menschen gemeinsam erlebte Märchenstunde das Miteinander vertiefen - und auch einfach eine Auszeit bedeuten. 

Je nach Stadium der Erkrankung wird es für die Patienten schwieriger, komplexe Handlungsabläufe sinnerfassend wahrzunehmen. Daher sind Volksmärchen mit ihrem linearen Handlungsablauf bestens geeignet, um von demenzkranken Personen erfasst zu werden.

Und letztendlich tut es einfach nur gut, der einen oder anderen Geschichte zuzuhören!

 

Märchen und ihr Freund „der Tod“

Der Tod kommt in Märchen häufig vor. Entweder direkt als Person oder nur angedeutet, oft versteckt hinter Märchensymbolik.

Der Tod gehört zum Leben dazu - auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Und irgendwann kommt für jeden die Zeit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen: Weil wir um einen Angehörigen trauern oder weil er uns selber trifft. Trauer ist wichtig – und braucht ihren eigenen Raum.

Märchen sind mit ihrer tiefsinnigen Symbolik oft sehr gut dazu geeignet, den Trauerprozess zu begleiten. 

 
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